Von der Tablette zur Spritze: Lenacapavir könnte die HIV-Prophylaxe revolutionieren

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Lenacapavir, ein neuer Wirk­stoff zur HIV-Prä­ven­tion, könnte eine ent­schei­dende Wende im Kampf gegen die globale Epi­demie dar­stellen. Die halb­jähr­liche Injek­tion zeigte in der klini­schen Stu­die PURPOSE 1, die mit Cisgender-Frauen und ‑Mädchen in Sub­sahara-Afrika durch­geführt wurde, eine beein­druckende Wirk­sam­keit: Bei den Proban­dinnen kam es wäh­rend der Test­phase zu keiner­lei HIV-Infek­tio­nen. Darauf auf­bauend wurde PURPOSE 2 durch­geführt, die Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), sowie Trans- und nicht­binäre Perso­nen in die Studie ein­schloss. Auch hier zeigte Lena­capavir eine ver­gleich­bar hohe Wirk­sam­keit, was die Ziel­gruppe für diese Prä­ven­tions­methode erheb­lich erwei­tert. Dies ist beson­ders bedeut­sam, da junge Frauen und Mädchen in Sub­sahara-Afrika sowie MSM weltweit zu den am stärksten von HIV betroffenen Bevölkerungs­gruppen gehören.

Im Gegensatz zu her­kömm­lichen Prä­ven­tions­methoden, wie der täg­lich einzu­neh­men­den Tablette Truvada, bietet Lenacapavir den Vor­teil, dass nur zwei Spritzen pro Jahr nötig sind. Diese ver­ein­fachte Anwen­dung könnte die Prä­ven­tions­mög­lich­kei­ten erheb­lich ver­bessern, insbe­son­dere in Regio­nen mit einge­schränk­tem Zugang zu medizi­nischer Ver­sor­gung. Zudem könnte die Spritze helfen, soziale Stigmata zu ver­rin­gern, die oft mit der Ein­nahme von HIV-Prä­ven­tions­mitteln ver­bunden sind. Viele Betroffene, die Truvada prä­ventiv ein­nehmen, berichten von Vor­urtei­len und der falschen Annahme, sie wären bereits HIV-positiv oder an AIDS erkrankt.

Die Zulassung von Lenacapavir als Präventions­mittel wird bis Ende 2025 erwartet, aller­dings sind noch einige Heraus­for­de­run­gen zu bewältigen. Der Wirk­stoff ist der­zeit in den USA zur Behand­lung von HIV-Betroffenen zuge­lassen, die bereits umfassend behan­delt wurden und eine Multi­resistenz gegen anti­retro­virale The­rapien auf­weisen. Eine The­rapie mit Lena­capavir ist jedoch mit hohen Kosten verbunden: Sie kostet dort jähr­lich rund 42.000 US-Dollar, was Lena­capavir für viele Men­schen, insbe­son­dere in ein­kommens­schwachen Ländern, uner­schwing­lich macht. Zusätz­lich steht die Ent­wick­lung von Gene­rika vor regu­lato­rischen Hür­den, die für erschwing­lichere Alter­na­tiven hinder­lich sein könn­ten. Dies wirft die drin­gende Frage auf, wie der Wirk­stoff für alle zugäng­lich gemacht werden kann. Winnie Byanyima, Exekutiv­direktorin von UNAIDS, bezeich­nete Lena­capavir als „Wunder­mittel“ und forderte auf der Welt-Aids-Konfe­renz in München die welt­weite und kosten­günstige Verfüg­barkeit.

Die Forschung deutet darauf hin, dass Medi­kamente wie Lena­capavir lang­fristig effek­tiver sein könnten als Impf­stoffe, die bisher keine umfassenden Schutz­wir­kun­gen erzielen konn­ten. Mit Lena­capavir könnte eine neue Ära der HIV-Präven­tion beginnen, die sowohl wissen­schaft­liche als auch soziale Fort­schritte ermög­licht. Um den poten­ziellen Nutzen voll auszu­schöpfen, ist es ent­schei­dend, die Kosten­frage zu lösen und sicher­zustellen, dass der Wirk­stoff beson­ders in den am stärk­sten betroffenen Regio­nen verfügbar ist.

Quellen:
Bekker LG et al. Oral SS0407 presented at: AIDS; July 22–26, 2024; Munich, Germany; Bekker LG et al. N Engl J Med 2024; doi: 10.1056/NEJMoa2407001 [https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2407001]
https://www.gilead.com/news/news-details/2024/gilead-announces-new-england-journal-of-medicine-publication-of-purpose-2-results
https://www.zdf.de/nachrichten/panorama/hiv-prophylaxe-spritze-lenacapavir-schutz-vor-infektion-prep-100.html
https://www.zdf.de/nachrichten/ratgeber/gesundheit/hiv-infektion-praevention-spritze-lenacapavir-100.html