Nikotinpflaster als ein möglicher Therapieansatz bei Post-COVID?

      Newsletterbeitrag     Medizin / Wissen­schaft; SARS-CoV-2

Trotz des Endes der COVID-19-Pandemie sind von den gesund­heit­lichen Folgen weltweit schätzungs­weise noch 400 Millionen Menschen betroffen. Bislang war es nicht möglich, die genaue Pathogenese des Post-COVID-Syndroms zu identifi­zieren – sie ist vermut­lich multi­faktoriell bedingt und individuell verschieden. Allerdings verdichten sich Hinweise auf eine Beeinträch­tigung des cholinergen Trans­mitter­systems, der möglicher­weise mit Nikotin­pflastern entgegengewirkt werden kann.

Post-COVID geht mit neurologischen Symptomen wie Brain Fog einher und weist eine hohe Über­einstimmung mit der Erkrankung ME/CFS (Myalgische Enzephalo­myelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) auf, die ebenfalls eine post­infektiöse Genese hat.1 Vor vier Jahren konnte im Glyko­protein von SARS-CoV-2 eine Amino­säure ähnlich cholinerger Toxine, die wiederum nikotinische Acetyl­cholin­rezeptoren (nAChR) blockieren, nachgewiesen werden.2 Die nAChR ermöglichen eine schnelle Zellantwort und sind z. B. im Gehirn an der Frei­setzung diverser Neuro­trans­mitter wie Dopamin und Serotonin beteiligt.3 Die nAChR-antagonistische Wirkung von SARS-CoV-2 konnte in einer Zell­studie aus dem Jahr 2023 nachgewiesen werden, die eine Ver­ringerung der Zell­erregbar­keit im Zusammen­hang mit SARS-CoV-2 fest­stellte und somit eine Störung der metabo­lischen und funktio­nellen Zellregulation vermuten lässt.4

Fallbericht zeigt: Im Whole-Body-Scan verdrängt Nikotin virales Spike-Protein

Eine aktuelle Studie unterstützt ebenfalls die nAChR-These und den therapeutischen Effekt einer Behand­lung mit Nikotin­pflastern.5 In einem Fall­bericht konnte ein Forschungs­team des Universitäts­klinikums Leipzig um Dr. Marco Leitzke den Effekt der Nikotin­pflaster-Therapie per Whole-Body-Scan (PET-CT/MRT) bei einer Post-COVID-Patientin sichtbar machen. Dr. Leitzke: „Die Auswertung der PET-CT/MRT-Bilder zeigt eindrucks­voll, dass das Nikotin­molekül die Rezeptoren von dem viralen Spike-Protein befreit und so die physio­logische cholinerge Neutrans­mission wieder ermöglicht hat. Durch seine hohe Bindungs­stärke an nikotinische Acetyl­cholin­rezeptoren kann Nikotin das Virus-Protein verdrängen und somit die blockierten Rezep­toren befreien. Die Viruslast wird dann durch präfor­mierte Anti­körper, die bei der Akut­infektion oder durch die Impfung gebildet wurden, eradiziert.“

Eine Befragung von 231 ME/CFS- und Post-COVID-Erkrankten, die eine Therapie mit Nikotin­pflastern erhalten haben, unter­stützt die Hypothese des Forschungs­teams: 73,5 % der Patientinnen und Patienten berichteten eine signifikante Symptom­verbesserung. Weitere randomi­sierte kontrollierte Studien sind notwendig, um diese ersten, zugleich viel­versprechenden Studien­daten zu validieren.

1 Pricoco et al. (2024). One-year follow-up of young people with ME/CFS following infectious mononucleosis by Epstein-Barr virus. https://doi.org/10.3389/fped.2023.1266738  

2 Changeux et al. (2020). A nicotinic hypothesis for Covid-19 with preventive and therapeutic implications. https://comptes-rendus.academie-sciences.fr/biologies/item/CRBIOL_2020__343_1_33_0/

3 Taly et al. (2009). Nicotinic receptors: allosteric transitions and therapeutic targets in the nervous system. https://www.nature.com/articles/nrd2927

4 Carlson et al. (2023). The SARS-CoV-2 Virus and the Cholinergic System: Spike Protein Interaction with Human Nicotinic Acetylcholine Receptors and the Nicotinic Agonist Varenicline. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36982671/

5 Leitzke et al. (2025). Long COVID – a critical disruption of cholinergic neurotransmission? https://bioelecmed.biomedcentral.com/articles/10.1186/s42234-025-00167-8